Warum haben es kreative Seelen oft so schwer?

Der heutige Post entwickelte sich in eine völlig andere Richtung als gedacht. Als ich begann diesen Post zu planen, wollte ich zwar etwas über die Verletzlichkeit von Künstlerseelen schreiben.  Und die Frage, wieso so viele Berühmheiten aus Film und Musik so tragische Enden finden. Jedoch sollte es hauptsächlich um meine Inspiration aus der Musik zu zeigen. Ich habe den Schwerpunkt auf Grund der aktuellen Ereignisse etwas verschoben.

Ich habe versucht, nicht soviele Details zu schreiben, denn es besteht Triggergefahr für betroffene Personen. Einige Links enthalten jedoch Details. Solltet Ihr Probleme in dieser Richtung haben, bitte wendet Euch an die Telefonseelsorge (kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222).

Warum haben es kreative Seelen so schwer?

Verschiedene Künstler und Bands schreiben den Soundtrack unseres Lebens. Und besonders die Songs, die uns durch schwere Zeiten begleichten, bedeuten uns hinterher mehr. Über negative Erfahrungen und Gefühle authentisch texten zu können benötigt ein gewisses Maß an Erfahrungen. Eines der sieben Elemente eines kreativen Charakters ist die emotionale Volatilität. „Sie fühlen die Welt um sich herum sher stark und neigen zu Sorgen […] manche genießen diese Sorgen sogar.“ (Professor Øyvind L. Martinsen of BI Norwegian Business School)

Oder wie Pink einmal sagte: „Ich funktioniere nicht, wenn ich happy bin.“ Kunst oder Musik sind natürlich Wege, die eigenen Dämonen zu bannen. Daher ist es ok, sich zu sorgen, wenn gleichzeitig ein Ventil entsteht. Daher muss ich z.B. in meiner Freizeit immer kreativ „arbeiten“, weil ich sonst an all den Sorgen, Problemen und Kleinkriegen des Alltags zerbrechen würde.

Wie Ihr vielleicht in meiner persönlichen Vorstellung gelesen habt, arbeite ich als Controllerin neben meiner künstlerischen Tätigkeit. Diese strukturierte Tätigkeit hilft mir den Kopf aus den Wolken zu bekommen. Zunächst habe ich mir dies zwar nicht so ausgesucht, aber ich bin mittlerweile glücklich darüber. Denn ich frage mich immer, wie Musiker es aushalten, immer wieder persönliche Tiefpunkte zu druchleben, wenn sie die Songs wieder und wieder spielen, um uns zu unterhalten. Wie gesagt, Musik kann ein Schlüssel zur Verarbeitung sein, genau wie die Kunst. Aber ich habe z.B. Werke, die ich unter Verschluss halte und nicht mehr zeigen möchte. Wenn ich von meiner Kunst leben müsste, dann hätte ich wohl keine Wahl.

Ein Stück der eigenen Seele

Etwas Kreatives zu schaffen heißt immer, ein Stück seiner Seele preisgeben. Aber behandlen wir künstlerische Werke mit dem nötigen Respekt? Eine Sache, die mich auch davon abhielt, irgendwo als Designerin anzufangen, ist meine Sensibilität gegenüber Kritik – oder der Art, wie heutzutage kritisiert wird. Kritiken zu Filmen oder Musikalben zu lesen macht mich manchmal verrückt – und es sind ja nichtmal meine Werke, die da verrissen werden. Warum schreibt man nicht in Ich-Botschaften („Ich finde…“, „Meiner Meinung nach…“)? In Business Meetings funktioniert das ganz prima.

creative souls
„Amy Winehouse meets Rokoko“ digital art, Artrage5 and Photoshop, Juli 2017

Heute vor 6 Jahren wurde Amy Winehouse tot aufgefunden. Eine der großen Stimmen in meinem Lebens- Soundtrack. Ich erinnere mich, an der Modeschule beim Zeichnen ihre Musik gehört zu haben. Ich sehe mich selbst im Trennungsjahr meiner ersten Ehe zu „They tried to make me go to rehab…“ singen und tanzen – einer meiner schlimmsten persönlichen Tiefpunkte. Wenn ich Musik höre, dann höre ich die Musik und den Text. Mich interessieren keine pesönlichen Details zum Künstler wie die Lieblingsspeise. Wenn man zwischen den Zeilen hört, erfährt man sowieso viel intimere Details als jeder Reporter.

Aber was mich schockiert hat da ich es nicht ignorieren konnte, war die Hetzjagd der Regenbogenpresse. Und so etwas findet statt, weil wir diese Stories lesen wollen! Eine glückliche und nüchterne Amy hätte nicht funktioniert. Skandale verkaufen sich! Die Kuh melken, solange es geht bzw. ging. Während dieser Zeit vermisste ich schon ihre Stimme und hoffte, sie würde ihren Kampf schaffen. Nun werden wir ihre Stimme nie mehr hören.

Meine Inspiration

Was mich an Amy inspirierte war ihr Vintage-Flair in Stimme und Styling ohne altmodisch zu sein. Als ich meine Abschlussarbeit plante, war meine erste Idee, Musik und Mode in einer Kollektion „Music was my first love“ zu vereinen (ich entschied mich dann jedoch für Kindermode). Diese Woche habe ich eine Illustration weitergearbeitet, die ich damals begonnen hatte. Bemerkenswert an Amys Styling war, dass es Auskunft über ihren Gemütszustand gab – je höher der Beehive, je dicker der Eyeliner, desto unsicherer war sie.

Holding on – why is everything so heavy?

Diese Woche haben wir eine weitere große Stimme verloren – Chester Bennington. Linkin Park ist nicht nur eine der Bands in meinem eigenen Soundtrack of Life, sondern ein seltener Fall, bei dem der Musikgeschmack von meinem Mann und mir einmal deckungsgleich ist. Wir bewundern am meisten, dass die Band sich mit jedem Album neu erfunden hat. Ein neuer musikalischer Stil auf jedem Album und Chesters unverkennbare Stimme als Konstante. Aber während andere Bands nun vorgeworfen wird, nichts Neues zu wagen, wurde es Linkin Park immer wieder von Kritikern und Fans vorgeworfen.

Schon in einem vorigen Artikel schrieb ich, gute Kunst vermag es zu überraschen. Daher sind die besten Alben meiner Meinung nach die, in die man sich erst „reinhören“ muss. Bei denen man nicht gleich sicher ist, ob man sie mag. Songs, die man achtsam bis ins Detail hören muss. Und Musik, die einen dazu bringt, aufmerksam zu hören. Ein Album, an das man sich erst gewöhnen muss, bevor es im Hintergrund laufen kann. Das im Hinterkopf, liest sich eins der letzten Interviews mit Chester über Kritiker ganz anders:

„For any band to take musical risks because you like what you’re doing in spite of what you know some people will say they don’t like, it doesn’t matter if they like it or not. What matters is that you took the chance to do something that you felt was important to you and that’s what being an artist is all about.“

„Für jede Band, [die zögert], ein musikalischen Risiko einzugehen, weil sie es mag, obwohl sie weiß, was manche Leute sagen werden, die es nicht mögen, es ist egal, ob sie es mögen oder nicht. Was wichtig ist, ist die Chance zu ergreifen etwas zu tun, das sich wichtig für Dich anfühlte und das ist es, was es ausmacht, ein Künstler zu sein.“

Aktuelle Probleme vs. Aufarbeitung der Vergangenheit

Ich folgte einer Facebook- Diskussion über Heavy vor ein paar Monaten. Einige Kommentare von sogenannten Fans waren so bissig und gehässig, dass ich mich fragte, ob sie jemals in ihrem Leben in der Situation waren, etwas geschaffen zu haben und das Gefühl kennen, wenn das Werk nieder gemacht wird. Ich glaube nicht, dass man alles mögen muss, um ein Fan zu sein. Aber sollte man nicht jedes Werk akzeptieren? Dabei wäre es so einfach, über die eigene Meinung zu sprechen anstatt diese als Fakt darzustellen.

Als ich für diese Artikel recherchiert habe fand ich auch Interviews, das aktuelle Album One more light beschäftige sich im Gegensatz zu alten Werken mehr mit der Gegenwart als der Aufarbeitung der Vergangenheit. Während die allgemeine Meinung im besagten Facebookpost war, dass Chesters Stimme nicht zu der Musik passte, fand ich die Stimme klang in diesem Song so zerbrechlich und verletzlich wie nie. Der Song trieb mir schon vorher Tränen in die Augen. Und da ich jeden Tag mindestens ein Lied von Linkin Park hörte, fühlt sich Chesters Tod wie der Tod eines alten Freundes an, der noch dazu demselben Kampf erlag wie mein eigener Bruder. Ich denke, der Song wird mir bis in alle Ewigkeit die Tränen in die Augen treiben. Aber ich hoffe, wir finden für die Zukunft einen respektvolleren Umgang mit unseren Künstlern.

Ich habe noch eine kleine Skizze als Tribut an Chester gemacht.

Kreative Seelen

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2 Kommentare auf "Warum haben es kreative Seelen oft so schwer?"

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Fräulein Freud
Gast

ach das ist wirklich so traurig. wenn man die linkin park songs verfolgt, dann war klar, dass er mit diesen problemen zu kämpfen hatte und dass ihn dieser kampf schon ewig begleitet, vielleicht sogar ausmacht. depression ist eine schlimme krankheit, die in ihrem verständnis in der gesellschaft noch überhaupt nicht angekommen ist…
ein sehr schöner post!

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